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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T32

Endlich weiß ich , was mit dem Wort „anrüchig“ gemeint ist. Mein Kleiderschrank scheint in seinem vorherigen Leben mal eine Unterlage zum Holzhacken gewesen sein, während mein Nachtschrank seine Herkunft  zu Apfelsinen-Kästen nicht verleugnen kann. Mit dem einzigen Kleiderbügel in meinem Schrank scheint schon mal jemand versucht zu haben, Selbstmord zu verüben. Offensichtlich erfolglos.

Ich glaube, alle Straftaten der Besucher dieser Nobel-Herberge zusammengenommen, dürften so etwa zehn Staatsanwälte zehn Jahre lang beschäftigen. Ein leichtes Gruseln hält mein Misstrauen wach. und meine Augen offen. Ich schlafe schlecht. Vielleicht die Hitze und die Umstellung. Oder das Gefühl, dass jeden Augenblick jemand ins verschlossene Zimmer kommt. Hier werde ich nicht alt, das wurde mir sehr schnell klar. Immerhin beruhigte mich der Umstand, dass noch andere Tramper dieses Rattenloch als ihr Domizil gewählt hatten. Ein altes verblasstes Schild wies die Herberge immerhin als Mitglied in einer Jugendorganisation aus.

Es hätte aber auch ein Mitgliedsnachweis vom Verein anonymer Alkoholiker sein können. So genau konnte das keiner erkennen. Was soll es. Schließlich wollte ich hier nur schlafen, so mir das gelingen sollte, aber schlafen wollte ich hier so wenig wie möglich. Dafür gab es einfach viel zu viel zu entdecken.

Das Crew-Hotel zum Beispiel. Es ist das Mariott Hotel und ein ganz schöner Gegensatz zu meiner „Nobel-Herberge“. Der Unterschied im Zimmerpreis beträgt dagegen lediglich 130 Dollar. Ein toller Blick auf den Yachthafen a la „Miami Vice“ entschädigt dafür aber allemal. Auch das Publikum ist etwas weniger angsteinflößend.

Das einzige was mir hier im Hotel Angst macht, sind die Stewardessen. Bei meinem ersten Besuch war die Angst allerdings unbegründet, da sie nicht anzutreffen waren. So hinterließ ich meine Adresse und sah mich ein bisschen um. Dass ich bei der Hitze viel trinken musste, war mir klar. Deshalb kaufte ich in einem „Supermarket“ gleich ein paar Flaschen Mineralwasser. Schließlich wusste ich nicht, ob die Wasserversorgung in meiner Nobelherberge auch für die Hygienepflege gesichert war. Natürlich hatte ich auch diesmal wieder meine Silbertabletten mit, um das Leitungswasser zu reinigen und zu entkeimen. Die leeren Wasser-Flaschen waren da willkommene Gefäße und wurden deshalb nicht weggeschmissen. Der Körper braucht ausreichend Wasser, damit sein Kühlsystem funktioniert (das Schwitzen) und man nicht irgendwann auf dem Trockenen sitzt.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T31

Als ich in Miami am Flughafen aus dem Flugzeug stieg, empfing mich gleißender Sonnenschein und eine Hitze, die mir das Gefühl gab, gegen eine Mauer zu laufen. Mein erster Eindruck von Amerika war dieser: „Hier in Amerika ist alles viel größer, als bei uns. Das Land ist weiter,  Wolkenkratzer, Autos und Straßen sind größer. Und selbst die Leute erscheinen mir irgendwie umfangreicher.“ Soweit also der erste schriftlich fixierte Eindruck von Amerika. Ich glaube, diesen Eindruck oder mindesten so einen ähnlichen, dürfte jeder Europäer von Amerika haben. Hier im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ spürt man erst so richtig, wie eng und klein Europa doch ist.

Miami hat so ein ganz eigenes Feeling, manche würden auch „Flair“ dazu sagen. Ich bekomme wieder dieses Globetrotter-Gefühl, ein Mix aus Fernweh, Abenteuerlust und Lust aufs Leben.

Ich freue mich, endlich wieder Sonne zu sehen und denke ich bin diesmal ganz sicher auf der „sunny side of the road“. Der Unterschied zur kalten BRD ist allerdings enorm, so etwa 28 Grad Differenz. Mein Kreislauf muss sich erst daran gewöhnen, so dass ich beschließe ihm dafür ausreichend Zeit zu geben. Obwohl die netten Stewardessen meinen Kreislauf enorm angeregt hatten, überkommt mich jetzt ein Gefühl der Müdigkeit, so dass ich beschließe, erst einmal ein billiges Zimmer zu suchen.

Ich nehme den Bus in die Stadt, oder soll ich schon City sagen? Mit der Zimmersuche gestaltet es sich ein bisschen schwieriger, als ich zuerst angenommen hatte. Mein USA-Verzeichnis aller Youth Host les und anderer billigen Break and breakfast- Herbergen hilft mir zwar dabei ganz enorm, aber unter „billig“ verstehe ich dann doch etwas anderes.

Schließlich entscheide ich mich für ein Rattenloch, dass immer noch 20 Bucks die Nacht kostet. (Zur damaligen Zeit aufgrund des hohen Dollarkurses 70 DM !!). Ein Ventilator, der nicht geht, und ein Etagenklo, das ich mit mindestens 25 Hispanoamerikanern und Schwarzen teilen muss, erinnern mich an ein Ghetto. 

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T30

In dieser Deutlichkeit möchte ich das an dieser Stelle mal gesagt haben. Andere „Fachliteratur“ auf diesem Gebiet hüllt sich über dieses Thema in Schweigen. Man möchte ja seine geliebten Leser nicht vor den Kopf stoßen. Ich finde das dumm und deshalb sage ich es auch, Kunde hin, Leser her. Basta.

USA , Miami 1985

Im Flugzeug habe ich gleich versucht, meine „neue Linie“ durchzuziehen. Mehr  Selbstbewusst- sein möchte ich nach außen hin demonstrieren. Das scheint funktioniert zu haben, denn ich habe im Flugzeug gerade ein paar nette Stewardessen kennengelernt.

Eine von Ihnen hat mir Ihre Adresse vom Crew-Hotel in Miami gegeben. Wir haben uns die ganze Zeit während Ihrer Pause nett unterhalten. Ich habe gleich zu erkennen gegeben, dass ich noch keine all zu feste Planung vorgenommen habe und schon gar nicht unter Zeitdruck stehe. Die ganze Crew vom Flieger hat ein paar Tage Aufenthalt in Miami, wo sie machen können, was sie wollen. Wir planen mal ganz vorsichtig, vielleicht etwas zusammen zu machen. Die Reise über den großen Ozean beginnt hoffnungsvoll. Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich in einem Großraumflugzeug und fliege etliche tausend Meter hoch über den Wolken. Der Blick auf die Wolken von oben herab ist schon ziemlich eindrucksvoll und hinterlässt bei mir einen starken Eindruck. Ich träume vom Fliegen. Ich möchte irgendwann einmal auch fliegen können.

Später sollte dieser Gedanke vom Fliegen mich noch so fesseln, dass ich einen wunderschönen Traum haben werde. Während der Zeit im Flugzeug kreisten meine Gedanken aber eher um andere bodenständige Dinge. Die Lust darauf, neue Leute kennenzulernen, hatte mich gepackt, Wieder einmal. Ich fand mich bestätigt in meinen Reiseabsichten und empfand Stolz ob  meines neuen Auftretens.

Durch die vielen schönen und wenigen unschönen Erfahrungen gestärkt, nahm ich Kurs auf die Vereinigten Staaten von Amerika, auch als USA bekannt. Amerika, ich komme.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T29

Einen großen Anteil an dem Mut zu dieser Reise hatte sicherlich meine Ex-Freundin Gabi. Sie war bereits meine zweite große unglückliche Liebe, die mich schier verzweifeln ließ. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich den Mut fand, um dieses „Unternehmen Selbstfindung“ zu starten. Wenn ich damals eine feste Freundin gehabt hätte, wäre es mir weitaus schwerer gefallen, von ihr und meinem Heimatort wegzugehen.

Im Nachhinein, mit dem gebührenden Abstand betrachtet, war es damals ein Glücksfall, dass sie mir den Laufpass gab, um sich selbst zu finden. Wir sind heute noch gute Freunde und verstehen uns immer noch prächtig. Wir sehen uns zwar nicht allzu oft, aber wir haben Kontakt zueinander und sind wie Bruder und Schwester füreinander da.

Natürlich war ich damals, ob der zweiten Liebes-Niederlage in Folge, etwas deprimiert und mein ohnehin nicht riesiges Selbstvertrauen war stark angeschlagen. Und natürlich ist diese Reise auch wichtig für mein Selbstbewusstsein. Es ist doch schön, wenn man tolle Rückmeldungen von den Leute auf seine eigene Person bekommt. Am meisten stolz bin ich auf die Lifts von den Leuten, die eigentlich gar keine Anhalter mitnehmen wollten, bei mir aber die berühmte „große Ausnahme“ gemacht haben. Ich versuche, zu ihnen besonders nett zu sein, damit sie ihre Meinung über Tramper noch einmal ändern können.

Jeder Tramper sollte sich auch darüber klar sein, dass sein Auftreten gravierende Folgen für die weitere Mitnahmebereitschaft seines Liftpartners haben kann, bis zum völligen Entzug einer Mitnahmemöglichkeit. Tramper sollten daher wissen, dass sie sich mit schlechten Manieren und sonstigen üblen Gewohnheiten ihr eigenes Grab schaufeln.

Jede Art von Parasit muss einen Drahtseilakt vollführen. Auf der einen Seite möchten Sie den Wirt, sprich den Liftpartner, ausnutzen, aber auf der anderen Seite darf man es nicht übertreiben bis der Wirt total ausgesaugt ist, sonst würde man sich seiner eigenen Lebensgrundlage berauben. Wer sägt schon gern an dem Ast herum, auf dem man gerade sitzt?

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T28

Ich bin froh, dass die Leute vorbeifahren, die mich nicht mitnehmen wollen. Es wäre fürchterlich, wenn ich bei ihnen mitfahren müsste. Überwiegend halten junge Leute an (so bis 35 Jahre), eher selten auch ältere. Irgendwie bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt, dass es doch noch weitergeht.

Wie schon gesagt, Lebensphilosophie eben. Den schnellsten Lift bekam ich nach 5 Minuten, während ich auch schon mal sechs (6!!) Stunden auf einen Lift warten musste. Natürlich passiert unterwegs auch Kurioses, so waren zum Beispiel die ältesten Konkurrenten, die ich jemals beim trampen hatte, ein Ehepaar irgendwo zwischen 65 und 80 Jahre alt. Tapfer, tapfer. Und da stelle ich mich wegen der paar Blasen an. Lebensphilosophie!

Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben (erzählen). Jetzt da ich wieder alleine reise, muss ich mich zur Disziplin zwingen, denn ich merke, dass ich schlampig werde. Das macht sich bemerkbar in der Wahl des Zimmers, Preise sind einem irgendwie egal und man hat sowieso nicht unbedingt einen Bezug dazu. Ich fühle mich wie ein Stück Treibholz auf wilden Stromschnellen, magisch angezogen vom immer lauter werdenden Wasserfall. Nur Selbstdisziplin kann mich vorm Untergang noch retten. Ich erinnere mich daran, dass Peter und ich uns immer sehr wählerisch gegeben haben in der Wahl des Zimmers, der Restaurants und auch der Mädchen. Schade, aber die Zeit ist vorbei.

Ich versuche, dass wichtigste hinüberzuretten und mir Selbstdisziplin aufzuerlegen. Vielleicht beginnt an der Algarve ja eine neue Zeit zu zweit. Zukunft ich komme. Gerade habe ich mir eine paar spanische Ausdrücke angewöhnt und schon geht es nach Portugal mit einer anderen Sprache. So ist es immer gewesen, aber ich mache diese Reise ja auch nicht als Sprachreise, sondern als Selbsterfahrungstrip. „Nach innen geht die geheimnisvolle Reise.“ wusste mein Deutschlehrer mir ein Novalis-Zitat mit auf den Weg zu geben. Und so langsam begreife ich die Worte.

Am Anfang meiner Reise wusste ich nicht, warum ich unbedingt losziehen musste. Ich wusste damals nur, dass ich gehen musste. So ganz allmählich spüre ich den Grund für diese Reise. Es ist eine Reise zu mir selbst. Ich möchte mich finden. Ich möchte wissen, wo und wie ich in der Welt stehe. Ich möchte Erfahrungen sammeln und sehen und für mich entscheiden, wo ich leben möchte. Wie kann man für sich entscheiden, wo man leben möchte, wenn man außer seinem Heimatland nichts gesehen hat? Woher weiß ich denn, ob das alles stimmt, was mir die Lehrer jahrelang erzählt haben, wenn ich es nicht nachprüfe? Natürlich kann das nur jeder für sich entscheiden, aber genau das ist ein Aspekt meiner Reise. Jahrelang wurde ich in der Schule mit Wissen vollgestopft, bis ich fast überlaufen sollte. Erfahrungen hingegen muss man selber machen, die kann man sich nicht erzählen oder vorleben lassen.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T27

Deshalb mein Tipp: Verabredet euch, wir Ihr schon nicht zusammen mitgenommen werdet (was immer noch das beste und einfachste wäre), an einem Platz, den es in jeder (oder sagen wir fast jeder) Stadt geben sollte: Haupt- oder Zentral-Post, Bahnhof, Polizeiwache oder Fremdenverkehrsamt.

Zeiten, die man abmachen will, kann man sowieso vergessen, da man es nicht in der eigenen Hand hat, diese auch einzuhalten. Probleme gibt es auch immer, wenn mal etwas Unvorhergesehenes passiert: Dem Fahrer geht das Benzin  aus, man wird in einen Unfall verwickelt oder hat eine Panne, und und und… Möglichkeiten gibt es da viele. Wie soll man seinen Partner in solchen Notfällen davon unterrichten, dass einem nichts passiert ist, bzw. was einem passiert ist? Ganz einfach: man macht eine gewisse Zeitspanne aus, in der man sich am beschriebenen Treffpunkt (Fremdenverkehrsamt zum Beispiel) meldet. Fremdenverkehrsämter sind auch dann eine gute Anlaufstelle, wenn Ihr der Landessprache nicht mächtig seid. (Versuche doch mal ohne ein Wort Arabisch zu sprechen, einem Araber beizubringen, dass er Deinen Freund ans Telefon holen soll!!!)

Wie man sieht, ist es nicht leicht zu zweit zu reisen, aber wenn man mit seinem Reise-Partner mal einige klare Absprachen getroffen hat, wird man mit viel Spaß für die Mühe belohnt. Es ist herrlich, fremde Menschen kennenzulernen und an ihrem Alltag teilhaben zu können. Der Horizont wird immer weiter und man fühlt sich einfach gut. Nie würde man unterwegs auf die Antwort kommen, warum es überhaupt Krieg auf der Welt gibt. Mit ein bisschen Weitblick und Toleranz Fremden gegenüber könnte die Welt doch ein Paradies sein, oder?

Unterwegs baut man sich so seine Lebensphilosophie auf.. Die Leute, die anhalten und mich mitnehmen, geben sich soviel Mühe. Ich habe das Gefühl, dass ich mich gar nicht richtig bei ihnen bedanken kann für das, was sie mir alles  geben. Statt „On the road“-Romantik heiß es oft genug warten und im Regen frieren.

Aber es lohnt sich auf nette Leute zu warten. Vielleicht ist das der Preis, den ich dafür zu zahlen habe. Bei jedem Wetter draußen an der Straße zu stehen und nichts weiter im Magen zu haben als den Ärger über den miserablen Standort, das ist wirkliche On the road Romantik pur.

Meine Schulter schmerzt vom schweren Rucksack, dass ich mir zum hundertsten Mal schwöre, das nächste mal nur halb so viel Gepäck mitzunehmen. Ich kann nicht mehr stehen. Meine Schürfwunden und Blasen an den Füßen sind wieder aufgegangen. Aufgeben? Nein, das nächste Auto hält bestimmt, aber das nächste oder das übernächste… Es muss einfach jemand bei diesem Sauwetter Mitleid haben mit mir.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T26

Als nun ein VW-Bus anhielt und meine Hippiefreunde freudestrahlend einstiegen, dachte ich nur Gott sei Dank, wieder ein paar Konkurrenten weniger. Als Sie aber nach kurzer Zeit wieder ausstiegen, und der Fahrer zu mir herüberwinkte, wusste ich erst nicht so recht, was das zu bedeuten hätte. Ich durfte meinen Rucksack ins Auto tun und mich hineinsetzen. Dann fuhren wir los- ohne die Hippies. Der Fahrer sagte mir dann, dass ihm die Hippies buchstäblich gestunken hätten und der Geruchstest bei mir positiv verlaufen wäre.

Irgendwie konnte ich einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken, dass meine Regeln ihre von mir vorausberechnete Wirkung zeigten. Übrigens sollte man den Rucksack als letztes ins Auto packen, wenn man selbst schon einen Platz gefunden hat. Nicht selten ist es vorgekommen, dass das Mitnahmeangebot eines freundlichen Fahrers sich nur auf das Reisegepäck des Trampers bezog, ohne dessen Begleitung. Also war die nächste goldene Regel schnell gefunden. Schau Dir die Leute genau an, die Dich mitnehmen wollen und lass Deine Menschenkenntnis spielen. Zudem sorge irgendwie dafür, dass der Typ nicht mit Deinen Sachen abhauen kann. Vorsicht also, wenn Du an der Tankstelle alleine aufs Klo gehst und Dein Typ im Auto sitzen bleibt. Kaffeetrinken sollte man übrigens auch lieber zu zweit. Also, bitte nicht zu vertrauenswürdig (leichtsinnig) werden, auch wenn der Typ auf den ersten Blick einen sympathischen Eindruck macht.

Die nächste Regel lautet: Leihe niemals einem freundlichen Autofahrer, der Dich mitnimmt, Geld oder Wertgegenstände. Oft viel zu spät bemerkt man, dass der Walkman im letzten Auto geblieben ist, während man schon im nächsten Auto sitzt. Auch geliehenes Geld sieht man in der Regel nicht wieder. Abgesehen davon sollte man ohnehin die wichtigsten Papiere und einen entsprechend großen Notgroschen am Körper immer bei sich tragen und nicht im Rucksack lassen. Sonst steht man irgendwann total im Regen. Vorteilhaft wirkt sich auch hier wieder das Reisen zu zweit aus. Die Gefahr dabei ist nur, dass man nicht immer gern zusammen mitgenommen wird, da die Autofahrer (manchmal berechtigte) Angst haben, von zwei Trampern irgendwie zu irgendetwas genötigt zu werden. Mit einem einzelnen Tramper glaubt komischerweise irgendwie jeder zurechtzukommen. Die sollten sich mal einige meiner Kollegen genauer ansehen.  Aber die Überlegung ist echt entscheidend.

Manchmal muss man eben Kompromisse schließen, um überhaupt von manchen Orten wegzukommen. Der Kompromiss wäre dann, dass jeder für sich allein sein Glück versucht und man vorher abgesprochen hat (nicht vergessen: vorher!), wo man sich genau wieder trifft, um dann ein Zimmer oder ähnliches zu zweit anmietet. Diesen Treffpunkt auszumachen, ist nicht immer einfach, zumal man ja meistens die Örtlichkeiten der nächsten kleineren oder auch größeren Stadt in der Regel nicht kennt. Selbst wenn man ein billiges und gutes Hotel in dem Ort kennen sollte, kann man natürlich vorher nicht wissen, ob gerade in dem Moment etwas frei ist.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T25

Zu Zweit erlebt man das Reisen unbeschwerter und man kann auch mal im Auto beruhigt schlafen. Allein habe ich mir eiserne Grundsätze gegeben: Im Auto wollte ich als Beifahrer niemals schlafen. Das ist zwar eine ganz schön harte Regel, aber eine bessere Lebensversicherung gibt es nicht! Schließlich erwarten die Leute von einem Tramper, dass sie unterhalten werden. Das ist jedenfalls meine Art gewesen, mich für die Mitnahme zu bedanken. Ich musste aber oft auch feststellen, dass es andere Tramper da nicht so genau nehmen und so zu den verschlechterten Bedingungen für das Trampen erheblich beigetragen haben.

Die nächste mir auferlegte Regel war die der Reinlichkeit. Trotz eingeschränkter Wasch- und Hygienemöglichkeiten unterwegs, wollte ich trotzdem so gepflegt wie möglich aussehen. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Tramper im Auto mitzunehmen, der wie ein Penner stinkt und einem die Polster mit seinen dreckverkrusteten Outfit versaut. Schließlich wollte ich ja einen sympathischen Eindruck auf die Leute machen, um meine Chance mitgenommen zu werden, zu vergrößern.

Einmal wurden meine goldenen Regeln in wunderbarer Weise bestätigt. Ich stand irgendwo in Frankreich an einer Ausfallstraße, die wohl in irgendeinem Tramperbuch als Geheimtipp gehandelt wurde. Mehr als sechs Tramper aller Couleur waren versammelt und versuchten einen Lift zu bekommen. Ein paar unverbesserliche Hyppies der ungepflegteren Sorte standen direkt vor mir. Als Tramper hat man auch seine Ehre und so stellt man sich hübsch der Reihe des Eintreffens entsprechend in eine Reihe. Der einzige Vorteil so viele Konkurrenten an einem Platz versammelt zu wissen, ist der Erfahrungsaustausch. Man bekommt Tipps, wo man lieber nicht hingehen soll, oder wo es sich ganz besonders lohnt, hinzufahren. Das Warten auf den Trip ist dann sehr viel kürzer. Jedenfalls kommt es einem so vor.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T24

Das Trampen von rund 350 Kilometern auf deutschen Autobahnen machte mir da absolut keine Schwierigkeiten. Würzburg ist voll von mitnahmebereiten Studenten. Danach ebbte der Kontakt nach vereinzelten Briefen dann ein wenig ab, bis ich Peter nach etlichen Jahren unverhofft in Köln wiedertraf. Ich jobbte als Sportschuhverkäufer in einem kölner Sportgeschäft und Peter kam überstürzt herein, um sich nach Treckkingschuhen zu erkundigen.

Er erkannte mich nach all den Jahren nicht; zu groß war die Veränderung, die ich durchlaufen haben musste. Aber ich hatte ihn wiedererkannt.  Ich sehe noch heute sein Gesicht, als ich seinen Namen rief. Niemand von seinen Freunden und Eltern wusste, dass er gerade in Köln war. „Mann, aus dir ist ja ein richtiger Mann geworden“, waren seine ersten Worte. Er machte mal wieder einen Alleingang wegen einer Frau, in die er unsterblich verliebt war. Jetzt wollte er nur schnell noch einkaufen, um dann nach Lima zu fliegen und sie zu besuchen. Ja, ja, Frauengeschichten. Das sind die Geschichten, die die Männer umbringen. Er war leider so in Eile, weil er scheinbar noch eine andere Freundin in Köln mit seinem Besuch beglücken wollte. Armer Peter. Hat das Studium nichts geholfen? Was hilft schon gegen die Liebe? Bestimmt nicht das Wissen von der Liebe. Wissen schützt vor Liebe nicht, oder wie ging der Spruch? Vielleicht braucht ein Mann einfach doch mehr als eine Frau um glücklich zu sein- genetischer Fluch oder hormoneller Überfluss?

29.09.84

Lissabon (Portugal) Peter ist inzwischen wohl schon zu Hause, während ich alleine weiterreise und nun in Lisboa angekommen bin und mich von meinem Tramp-Eifer (Salamanca-Lissabon in 12 Stunden) erhole. Ich musste schnell feststellen, dass ich wieder allein reise. Nicht nur an den Zimmerpreisen (Einzelzimmer sind erheblich teurer als Doppelzimmer), sondern auch an der Unruhe merkt man es ganz deutlich. Zu Zweit lässt sich doch erheblich unbeschwerter Reisen als allein. Allein muss man jede Sekunde hellwach sein und immer ein wenig misstrauisch bleiben, das strengt ganz schön an.

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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T23

27.9.84

Peter und ich waren gestern dank ungezählter „Pina Colladas“ ganz gut drauf. Vielleicht war das der Grund dafür, dass wir zum ersten mal ein paar spanische Mädels haben lachen sehen. Das beruhigte uns übrigens sehr, denn wir hatten schon die Befürchtung, dass die heißblütigen Spanierinnen ihren kalten Stolz nie ablegen würden.

Peter war in Hochform, so dass er im Lokal eine Flasche Wein einfach mitgehen ließ. Die Fischsuppe war kalt, versuchte er sich zu rechtfertigen. Es war ein „funny day“ gestern; ich musste Lachen wie schon lange nicht mehr. („Peter, Haare waschen, Du hast Paella gegessen!“oder wie aus einer „Bäckerblume“ eine „Backpflaume“ wurde). Meine Lachmuskeln entspannten sich erst gegen Morgen wieder. Das Mädchen, das da aussah wie Desiree Nosbusch gefiel mir sehr, nicht zuletzt wegen ihrer Grübchen. Sie hatte so ein nettes einladendes Lächeln. Sie war Deutsche -das würde eine Kontaktaufnahme sehr vereinfachen. Aber unser Kontakt lief nur über die Blickebene ab, war dafür aber umso intensiver. Mann o Mann, ich hätte nie gedacht, dass ein  Blick so eine Wirkung haben kann.

Für den Fall der Fälle haben wir einen Plan gemacht, wer zuerst das Zimmer benutzen kann. Letztlich ergibt sich das aber sowieso von allein, meint Peter und ein Bett braucht man auch nicht in jedem Fall dazu.

Ich wäre sehr schlagfertig (auf sprachlicher Ebene) meint Peter. Ich lasse mir von Peter viel über „Rebirthing“ erzählen. Das ist eine Therapie zur Entspannung mit Hilfe von Atemtechniken, die es einem erlaubt, Loszulassen vom Alltag und so verschüttete Gefühle wecken kann. Man wird quasi wiedergeboren, fühlt sich auf jeden Fall aber wie Neugeboren danach. So ein Psychologiestudium könnte mich schon reizen, obwohl ich mittlerweile denke, dass jeder der Psychologie studiert irgendwie selber wissen möchte, wie seine eigene Klatsche denn nun fachterminologisch genannt wird und ob dagegen etwas zu machen ist. Na ja, faszinierend ist das Thema Psychologie allemal. Und irgendwo hat doch jeder von uns eine Klatsche, oder?

Peters Leitsatz war immer: „Je mehr Du etwas versuchst zu unterdrücken, desto schlimmer kommt es irgendwann hoch!“ Recht hat er. Rauslassen sollte man alles, was einen so bedrückt, bevor es irgendwann und unverhofft zum falschen Zeitpunkt hochkommt.

Der Abschied von Peter fiel mir einigermaßen schwer, da änderte auch das Austauschen der Adressen und der oft zitierte Satz „Wir sehen uns wieder und halten Kontakt“ nichts. Zu sehr waren wir auf der gleichen Wellenlänge und verstanden uns einfach gut. Da machte es auch nichts aus, dass Peter ein gutes Stück älter war als ich. Nach meiner Rückkehr lud mich Peter auch prompt zu einer Studentenfete nach Würzburg ein, auf der ich auch einiges erleben durfte aber dies ist eine andere Geschichte….